Mulknitz Forst Lausitz Niederlausitz
Top : Erinnerungen : > LPG Gründung
DIE UMGESTALTUNG VOM ICH ZUM WIR
von Werner Dubrau
Zur Verfügung gestellt von Anke Freitag


Wir schrieben das Jahr 1959, waren alles Einzelbauern, mußten unseren Soll erfüllen und konnten Frei Spitzen produzieren. Für unsere kleinen Betriebe, über 5 ha, war das eine gute Einnahme über 10 ha schon problematisch, die müßten fast das ganze Jahr fürs Soll produzieren Das konnte nicht gut gehen, deshalb sind ja so viele Dörfer leer geworden, haben alles stehen und liegen gelassen und den Weg in die Freiheit gesucht.

Es war im Winter 1959/60 und die Aufklärer kamen immer öfter, es waren vor allen Dingen gute PG zusammengewürfelt aus Betrieben, Kreisleitung usw.. Die Stasi war auch dabei. Die Meisten hatten von Landwirtschaft keine Ahnung. Sie hatten nur die Umgestaltung vor den Augen. Meistens jedoch waren die Türen verschlossen oder die Besitzer hatten sich versteckt. Aber wir hatten eine Meinung, umgehen können wir es nicht. Wenn wir unterschreiben dann gemeinsam. Nicht heute einer und morgen der Andere und deshalb haben wir am 08. März in der Gastwirtschaft die LPG gegründet mit dem soliden Namen „Heimat“.

Die Aufklärer hatten Ihre Arbeit beendet. Es blieb nur in jedem Dorf ein Pate und ein Patenbetrieb als Unterstützung. Wir hatten dabei ein großes Glück den „Kraftverkehr“ als Patenbetrieb zu bekommen. Dies war in zweierlei Hinsicht von Vorteil. Erstens brauchten wir uns keine Sorgen machen, wenn wir mal ein Transportmittel nötig war. Zweitens war ein jährlicher Ausfug, natürlich gegen Erstattung der Unkosten, auch drin.



Nun begann erst einmal die richtige Arbeit. Wir berieten im Vorstand, daß wir ohne zusätzliche Einnahmen nicht lange bestehen können. Da hatte unser Vorsitzender Werner Bielert den Vorschlag eine Entenmast aufzumachen, denn Enten waren gefragt. Da haben wir einige Erkundungen eingeholt. In Straupitz hatte man damit schon angefangen, in Lübbinchen war eine Brüterei und eine Mast. Uns war nicht richtig wohl dabei. Der damalige B.H.G. Leiter Helemann sagte zu uns: „Mut gehört zum Leben“. Aus dem Nichts anzufangen, ist nicht so einfach.

Zuerst einmal haben wir die Pastorscheune abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen. Und daraus wurde der erste Entenstall. Die Entenküken bezogen wir aus Lübbinchen. Nach einem Jahr, in einer Beratung, stellten wir fest, daß ein ständiger Kauf dieser Küken in die Kosten geht. Deshalb beschlossen wir, selbst die Küken auszubrüten und aufziehen. Es mußte ein Brutraum gebaut werden, ein Eierraum, da die Eier ja kühl lagern müssen, alles deckenlastig als Futterraum und ein Stall mit Legemöglichkeiten.
Nach dem Entwurf des Projektes von Werner Bielert und meinen guten Ratschlägen, standen als Maurer, Werner Dubrau, Erich Rogosky und Paul Herdlitschke zur Verfügung. Alle waren wir ungelernte Fachkräfte. Die Holzarbeiten übernahmen R. Dubrau und E. Käse. Handlanger standen uns auch zur Seite. Baumaterial wurde herangeschafft und der Bau begann zügig und wurde bis zum Sommer fertiggestellt. Eine Legeherde wurde gekauft und bis zum Beginn der Saison, im Frühjahr, alles vorbereitet. Die Arbeiten in der Brüterei und Aufzucht hatten H. Pohle und Anni Bielert zur vollen Zufriedenheit übernommen, obwohl sie auch keine Fachkräfte waren. Als Anni Bielert nach ein paar Jahren ausschied, nahm Renate Schulz ihren Platz ein. Die Mast führten wir auf der eingebrachten Fläche von Fritz Dubrau, am Pfaffenteich, durch. Ideal für die Mast, da Wasserauslauf. Als Fütterer waren Siegfried Dubrau und Hildegard Dubrau verantwortlich.
Die Mast dauerte 59 Tage bis zur Ablieferung. Ich bin ein Mal die Woche, mit zwei Hänger voll, in Käfige eingesperrten Enten, nach Cottbus gefahren. Da rollte der Rubel.
Alles ging einige Jahre gut, doch die Entennachfrage ging zurück, Überproduktion, man ging über auf größere Betriebe.
Wir sind dann zur Gänsemast übergegangen. Im ersten Jahr ging alles noch verhältnismäßig gut, aber im zweiten Jahr, die reinste Katastrophe. Sie starben und keiner konnte es aufhalten. Die Tierärzte waren ratlos. Sie hatten alles probiert, jedoch vergebens. So ging dann im Jahre 1975 unsere Geflügelproduktion zu Ende.

Inzwischen traten andere Probleme auf. Wir hatten keine Möglichkeit, daß Getreide zu lagern. Das Lagern auf einzelne Heuböden war nicht normal.
Ein Jahr hatten wir sogar in Forst in der Albertstraße ein Lager. Unten wurden Busse repariert, der Boden war unser. Wir haben das Getreide beschwerlich hoch geschafft und als wir nach Monaten es brauchten, mußten wir feststellen, daß es für die Normalverarbeitung nicht mehr zu gebrauchen war, Kornkäferbefall. Da hatte uns der Fischmeister geholfen. Wir bekamen gutes Getreide und die Kornkäfer mußten schwimmen lernen. Also bauten wir 1963 einen Lagerschuppen. Ein Jahr später Garagen und Werkstatt.
Als wir noch unsere Milch abliefern mußten, war jeden Tag an der Rampe Arbeitseinteilung. Es kam sogar manchmal der Pfarrer, wenn er für seine Bauarbeiten ein Transportmittel brauchte.
So auch einmal, aber Herr Bielert hatte keinen Fahrer, der Pionier stand da und Herr Radeke ist kurz entschlossen selbst gefahren.

Jedes Jahr war Erntefest in Form eines Schlachtefestes. Der Fleischer S. Schulze machte dann auch Leberwurst, die der Gastwirt räucherte. Ein paar Tage später brauchte keiner Frühstück mitnehmen, da kam Fritz Frenzke mit frischen Brötchen, Leberwurst und Getränken.
Es war immer in der Zeit der Kartoffelernte und die Frühstückszeit länger als normal geworden. Zur Kartoffelernte hatten wir einen Siebkettenroder.
Da hieß es einen Tag zuvor, morgen kommen 16 Leser, um 8 Uhr müßten die Streifen liegen. Jeder stellte seinen Gummiwagen bereit und am Feierabend standen jeden seine Kartoffeln auf dem Hof. Ich habe auch noch in anderen Dörfern ausgeholfen, es sollte ja auch noch Geld einbringen.
Nun war noch die Heuernte, gemäht wurde von der LPG, aber das Aufladen vom losen Heu, sehr zeitaufwendig. Und so kauften wir eine gebrauchte Presse und ließen sie generalüberholen.
Das Heu hat jeder Einzelne getrocknet, auf Streifen geharkt und dann ging es los, nach einem straffen Plan, damit es keinen Ärger geben sollte.
Ich habe manche Tage bis zu 18 Hänger oder Gummiwagen gepreßt, war auch eine kleine Erleichterung.

Die Buchhaltung hatte Helmut Geigk übernommen, hatte sich sehr gut eingearbeitet unter Anleitung von Günther Helemann, den damaligen B.H.G Leiter.
Helmut Geigk verstarb nach ein paar Jahren. Da hatte unser Vorsitzender eine Frau Noack aus der Forster Buchenstraße eingestellt. Eine sehr ruhige und gewissenhafte Fachkraft. Ich war Vorsitzender der Revisionskommission und ich mußte dabei sein, wenn der Jahresabschluß beim Hauptbuchhalter vom Rat des Kreises, Herrn Nattke, vorgelegt werden mußte. Der hatte immer etwas auszusetzen. Frau Noack sagte einmal: „Wir fahren, bemogeln tue ich ihn doch.“ Und als wiederkamen war alles in bester Ordnung.

1966 gab unser Vorsitzender, Werner Bielert, wegen Krankheit den Vorsitz an Gerhard Krätsch ab. In den vergangenen Jahren haben wir einiges angeschafft, unser Maschinenpark war herangewachsen auf ein Famulus, ein Pionier, ein Zetor, einen RS 08 und einen G.T. 124, sowie die dazugehörigen Geräte.

Die Technik schritt voran und wir konnten uns die modernen Maschinen nicht leisten und nicht auslasten, denn auf jeder Maschine lagen im Jahr 10% Abschreibung. Für unsere kleine LPG von über 100 ha nicht möglich.
Neues stand uns bevor. Im Jahre 1975 dann die Kooperation.
Mulknitz, Bohrau und Briesnig schlossen sich zusammen.

Die LPG Typ 3 Neuland in Briesnig nahm uns gern auf. Jeder Einzelne mußte beim Eintritt einen Inventarbeitrag leisten. Pro Hektar mindestens 500,00 Mark, bei manchen LPG`s stieg er bis auf`s Dreifache. Wir in Mulknitz haben diesen Beitrag für jeden aus unserer LPG Kasse beglichen.


Ich erinnere mich noch an die erste Jahresendabrechnung in Briesnig, wo die damalige Hauptbuchhalterin, Frau Volkmann, in ihrem Finanzbericht erwähnte, daß wir sogar den Reservefond von Mulknitz in Höhe von 35.000,00 Mark mit verwertet haben.
Die Kooperation war für uns von Vorteil, da bei der LPG Typ 1,
Mulknitz, jeder noch sein Vieh zu versorgen hatte, dies wirkte sich negativ auf den pünktlichen Arbeitsbeginn aus. Wir haben deshalb die Futterversorgung gemeinschaftlich durchgeführt. Es wurde gemäht und jeder brauchte nur aufladen, über die Waage fahren und abladen und ein pünktlicher Arbeitsbeginn war nun gewährleistet.
Das Vieh im Stall war auf Dauer eine Belastung für jeden von uns, deshalb versuchten wir es loszuwerden.
Es geschah etappenweise. Ein Teil der Schweine gingen zuerst nach Bärenklau, der Rest dann nach Jocksdorf.
Die Milchkühe schafften wir in die neu erbaute Anlage nach Domsdorf.
Wir, die LPG mußten die Futterversorgung sichern und jeder Stallplatz mußte bezahlt werden.
Jeder Betrieb konnte aber noch seine 0,5 ha Land nutzen, nach belieben Schweine füttern, eins zum eigenen Verbrauch und eins wurde abgeliefert. In jedem Jahr einen Bullen verkaufen war auch nicht verkehrt, denn ein guter Mastbulle brachte so an die 4.500,00 Mark. Man Hätte für zwei Bullen einen Trabant kaufen können,
der Trabant hatte aber eine Lieferzeit von 12 Jahren.

Die Entwicklung ging weiter, also haben wir beschlossen, eine Sauenzucht mit Läuferproduktion zu bauen, in Mulknitz am Schulweg, etwas abseits vom Dorf, wegen dem Geruch.
Es ging alles sehr schnell. Zuerst war das Futterhaus geplant, mit Heizungsanlage, Büros, Sozialtrakt alles was dazu gehört.
Baumaterial wurde angeliefert, Wasser- und Stromversorgung hergestellt. Die Dachbinder holten wir in Burg, Türen und Tore wurden geliefert. Die Eisenträger für die Decke hatten wir auf Lager. Die Baubrigade aus Bohrau arbeitete zügig und so standen bald die Grundmauern.



Wir hatten auch schon ein Kartoffelsilo angelegt. Bis dann plötzlich vom Rat des Kreise ein „Baustop“ ausgesprochen wurde. Zuerst waren wir enttäuscht, aber vielleicht war es gut so, denn diese kleine Anlage hätte nach der Wende kein Fortbestehen gehabt. Wir hatten sogar schon einen Leiter für diese Anlage, Siegfried Pohle, er hatte in Ruhlsdorf einen Meisterlehrgang gemacht und bestanden. Was nun, und da wurde abgesahnt. Die Träger holte sich die LPG aus Heinersbrück und die Dachbinder vergammelten.
Die Ruine blieb als Wahrzeichen jahrelang stehen. Die Kampfgruppen machten dort ihre Übungen. Bis die LPG Pflanzenproduktion sich die Arbeit machte und sie einebnete.


Nach der kleinen Kooperation entstand dann die LPG Pflanzenproduktion Forst, unter der Straffen Leitung von Hans Lehmann. Wir, die Mulknitzer, haben überall verstreut Arbeit gefunden.
Gerhard Krätsch, Siegfried und Heinz Dubrau gingen in die Tierproduktion. E. Rogosky, R. Unger und W. Dubrau wurden bei der Beregnung eingestellt. E. Britze wurde Mechanisator, Siegmund Forth fand in der Werkstatt als Schlosser Arbeit.
s. Pohle wurde Wäger und H. Schulz Ölfahrer im Trockenwerk.
Die Frauen wurden saisonbedingt bei der Erdbeer- und Kartoffelernte sowie zum Rüben verhacken eingesetzt.
Die LPG Pflanzenproduktion umfaßte den ganzen Nordkreis bis Groß Jamno. Die Tierproduktion blieb in Briesnig, Weißagk, Noßdorf und Domsdorf. Sie bezogen ihren Futterbedarf von der Pflanzenproduktion, es war ja, durch die Beregnung, reichlich vorhanden.
Die Arbeit bei der Beregnung war schwer und schmutzig.
Das Abwasser von Forst war nur grob gereinigt, so daß man Gummizeug anziehen mußte, auch im Hochsommer. Von jedem Futterschlag wurden im Durchschnitt vier Schnitte gemacht. Die Schichtarbeit ging von Anfang April bis Anfang September, dann ging der Schichtbetrieb in der Kartoffelernte los. Bei den Rüben wurde nur bis 12 Stunden gearbeitet.


Das Trockenwerk produzierte Grünpellets, Kartoffelmehl, Zuckerschnitzel, Strohpellets und nach Bedarf Getreidetrocknung. Für mich begann 1978 die Arbeit in den Erdbeeren. Bis zur Rente bestand die Arbeit im pflanzen, sauber halten und ernten.
Es waren über 20 ha angebaut. Es war auch viel Handarbeit nötig, da die Frauen mühsam die Reihen sauber hielten, jedoch wurden die Reihenzwischenräume mit der Fräse bearbeitet.
Die Erdbeeren gingen alle weg, nichts vergammelte. Ich denke noch an den Gemüsehändler „Wolter“, der war früh als erster seine Erdbeeren holen, denn wenn er sein Geschäft geöffnet hatte, waren schon taufrische Erdbeeren da, dies brachte den Umsatz zum Steigen. Zum Mittag kam er zum zweiten Mal welche holen.
Beim Konsum und in der HO war dies nicht so. Ehe die ihre Fahrzeuge beladen und in den Verkaufsstellen verteilt hatten, war bald Mittag. Von Guben kam jeden Tag der Bäcker „Dreißig“ frische Erdbeeren holen. Er wurde immer gut bedient, dafür konnten die Frauen manchen leckeren Kuchen verzehren.

Nun sind 40 Jahre vergangen. Von unseren damaligen Mitbegründern, es waren an die dreißig, leben heute noch Anni und Werner Bielert, Hildegard Geigk, Gerhard Krätsch, Richard Unger, Siegmund Forth, Renate Schulz, Siegfried Dubrau und Werner Dubrau.
In den letzten Jahren bin des öfteren durch die Gegend gefahren und habe die Arbeit der jetzigen Agrargenossenschaft eingeschätzt. Mit starken Traktoren, mit modernsten hochwertigen Maschinen und wenig Arbeitskräften, sehr gut bestellte Flächen. Eine saubere Arbeit unter den jetzigen Vorsitzenden Egon Rattei und Diether Seidel.
Die spätere Generation wird einmal dankbar sein, wenn diese Zeilen in die Chronik gelangen.
Unter dem Motto:
„Eins, zwei, drei im Sauseschritt
eilte die Zeit, wir eilten mit.“



(aufgeschrieben im Januar 2000)
Vorherige Seite
<<
Februar 2012
>>
SoMoDiMiDoFrSa
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29