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Unsere Flucht aus Weltho
von Hildegard Geigk geb. Kapke - mündliche Überlieferungen


In den ersten Tagen des Februars 1945 hörten wir den Kriegslärm von Geschützkanonen im lauter und es dauerte auch nicht lang, da kamen deutsche Soldaten von der Ostfront zurück. Beim hastigen Durchmarsch durch Weltho meinten sie nur.“ Die jungen Frauen müssen fort!“. Auch meine Schwester Erna fürchtete: „die nehmen mir die Kinder weg, wir müssen fort.“ Doch alles im Stich lassen war nicht leicht, die Keller gefüllt und den Stall voller Vieh. Zu dieser Zeit hatten wir einen Ukrainer auf dem Hof, der als Gefangener bei uns diente. Ihm ging es nicht schlecht, durfte wie auch schon zuvor ein Franzose, immer mit am Tisch essen, meine Mutter meinte zum erzürnten Wachmann „er muss uns die ganze schwere Arbeit abnehmen, da kann er auch bei uns essen.“ Er sollte nur zum Übergang bei uns arbeiten, bei uns die Landwirtschaft lernen und später eine Art Gau in der Ukraine übernehmen. Nun war der Zeitpunkt der Flucht gekommen und wir legten ihm, wenn es auch schwer war, and Herz das Vieh gut zu versorgen, bis wir zurück kämen. Mein Vater musste sowieso fliehen, er war Bürgermeister und Mitglied in der Partei. Dann wurde ein Wagen zurecht gemacht und bevor wir aufbrachen wurde eine große Truhe mit teuren Kleidern gefüllt und im Scheunenboden vergraben. Doch der Russe fand auch diese. Am 14. Februar 1945 dann brachen wir auf. 1 Wagen mit 2 Pferden, mein Vater als Schwager, meine Mutter und ich mit dem Fahrrad. Doch das halbe Dorf blieb, auch die Schwester meiner Schwägerin. Wie auch der Großbauer Franke, er meinte noch zu uns: „Wir werden die Russen gut aufnehmen und ihr werdet auf der Straße verrecken.“ Nach unserer Rückkehr erfuhren wir, dass auch er verschleppt wurde und so wahrscheinlich umkam. Die Straßen waren von dem einsetzenden Tauwetter voller Schneematsch und niemand wollte uns zur Übernachtung aufnehmen. IN der ersten Nacht fand wir jedoch Obdach in Lübbinchen. In der zweiten Nacht gab uns der Wachmeister in Groß Leuthen ein Nachtlager. Sie nahmen uns gut auf, wir durften sogar im Ehebett schlafen. Die Reise ging beschwerlich weiter. Dann kamen wir in Jetch im Kreis Luckau an. Bei einer Familie Ziegler fanden wir Quartier. Damals wurde angewiesen, dass jedes Gehüft einen Bunker haben müsse. Familie Ziegler baute sich ein verschaltes Erdbunker, bedeckt mit Streu, welches vom Einstreu der Viecher des Vorjahres vom Felde geholt wurde. Dort saßen wir nun still des nächtens. IN der Nacht kam dann eine Vorhut der Russen mit etlichen Panzern. Einer fuhr durch eine Holzwand an die der Bunker gebaut war 2m Meter neben uns durch die Wand. Er hätte uns fast erdrückt. Wir sahen nichts, doch konnten alles hören. Sie standen direkt neben unserem Loch, bemerkten uns aber nicht. Sie hatten wohl viel getrunken, redeten sehr laut. Auf einmal klingelte der Wecker meiner Mutter. Schlagartig war draußen Ruhe, man hörte nur „Maschine, Maschine“ vom Russen. Endlich fand meine Mutter den Wecker und konnte ihn abstellen. Die Russen kümmerten sich dann zu unserem Glück nicht weiter und fuhren fort. Man hörte sie oft sagen „Berlin“, sie wollten wohl mit ihren Panzern dahin.
Der Hausherr unserer Gastgeber war Soldat in Frankreich und brachte wunderbaren Schnaps und Likör mit. Wir wussten, dass die Russen noch schlimmer waren wenn sie getrunken hatten und so liefen wir einige Male vom Haus zum Klosett um die Flaschen zu leeren, bevor die große Meute Russen kommt.
Am 20. April 45 kamen dann die Russen, ich weiß es noch genau, am Tag von Hitlers Geburtstag. Da haben wir uns dann im Keller des Großbauern Domian versammelt und gewartet bis sie kamen. Die Tür wurde auf einmal aufgerissen. „Frau, komm!“ hörte man nur, eine nach der anderen musste mit. Durch Vorlage meines Ausweises, den ich zufälligerweise retten konnte, wurde ich jedoch verschont. Warum ich dieses Glück hatte, weiß ich bis heute nicht. Ich habe den Ausweise deshalb bis heute in Ehren aufbewahrt. Nun wussten wir was uns blüht, viele hatten sie schon erwischt. In der Nacht flohen wir in den Wald. So haben wir eine Woche in der Haide gesessen und uns versteckt. Die Männer – mein Vater und der Herr Ziegler – brachten uns Essen. Dann wurde durch Lautsprecher bekannt gegeben, dass jeder der sich im Walde versteckt hält, erschossen wird, alle müssten wieder ins Dorf. So haben wir uns nachts heimlich in die Scheune von Zieglers geschlichen. Auf den Heuboden mit der Leiter gekrochen und die Leiter hochgezogen, damit hier keiner hoch kam. Haben uns dann zwischen Heu und Wand in einer Ritze versteckt, zum Atmen hatten wir einen 10cm breiten Schlitz in der Wand von der man auf die Dorfstraße schauen konnte. Eines Tages traute ich meinen Augen kaum. Da sah ich doch einen Russen mit meinem Fahrrad an mir vorbei fahren. Er klammerte sich sehr fest, die konnte ja nicht fahren und mussten es erst lernen. Ab und zu brachte uns jemand Essen. So saßen wir ein paar Tage beengt, man konnte die Luft kaum aushalten und mussten bald raus. Wir hatten in all der Not das Glück, dass unser Gastvater etwas Russisch konnte und so bekamen wir manchmal ein paar Brocken mit, die uns oft von Vorteil waren. Im Dorf brachten sich viele Leute wegen der Furcht vor dem Russen um, der Vater der Nachbarfamilien erschoss sich und seine Frau. Die Zeit verging und wir wollten wieder nach Hause.
Am 10. Mai 45 ging es dann wieder zurück nach Weltho. Die Russen hatten uns ja schon vieles weg genommen. Während der Rückfahrt noch eines der Pferde, sie gaben uns dafür ein lahmes dürres. Dann endlich wieder zu Hause. Doch zu Hause konnten wir nicht rein, das Wohnhaus war so verdreckt und alles Vieh war weg. Von einer gelben Kuh – wir hatten rot- und gelbbuntes Viehzeug – lag noch der Kopf im Stall. Im Keller stand ein großes Fass mit toten Hühnern, was für ein Gestank. Ein paar Tage versuchten wir sauber zu machen, geschlafen haben wir im Heustall. Alle Männer, eben auch Franke, bis auf wenige sehr alte, wurden verschleppt und nie mehr gesehen. Die Eltern meiner Freundin Margarethe Krüger waren erschossen und hinter der Scheune verscharrt. Unsere Dorfkrankenschwester, die fleißiger war als viele Ärzte, auch erschossen.
Zwar lag noch etwas Korn in einer Dachkammer und Kartoffeln waren auch noch vergraben, doch mein Vater säte dann doch noch den Hafer, auch wenn es schon etwas spät dafür war.
Dann wurde ich schwer krank, bekam rote Flecken, da dachten wir, ich hätte Scharlach. So mussten wir wieder ins Haus ziehen. Ich hatte so ein hohes Fieber, dass ich aus dem Fenster springen wollte, weil ich dachte die Russen kämen. So rannte mein Vater nach Groß Gastrose zum Doktor und holte Tabletten. Tante Emma, die Schwester meines Vaters, hatte noch ein Thermometer, über 40 Grad hatte ich.
Bei Scharlach hieß es damals: etliche Wochen Bettruhe. Doch ich konnte mich nicht daran halten. Oft kamen noch die Russen um sich was zu holen. Wenn wir auf dem Feld waren, versuchte mein Vater die Türen mit dicken Balken zu versperren. Wenn wir zu Hause waren, musste ich mich immer im Keller vor dem Russen verstecken. So war an eine Bettruhe nicht zu denken. In einem Punkt hatten wir jedoch unrecht. Die Russen waren immer gut zu den Kindern, gaben ihn oft was zu essen. Einmal saß meine kleine Cousine Anneliese Kapke auf dem Schoss eines Russen und sagte zu ihm „Tante Hilde ist im Keller.“ Glücklicherweise verstanden die Russen nichts. So verging die Zeit. Wir dachten schon, alles würde sich beruhigen dun ein normales Leben einkehren. Am 20.Juni haben uns polnische Soldaten mit Karabinern und Ochsenziehmer (Knuten) mit den Worten „in 20 Minuten raus!“ vertrieben. Als Flüchtlinge mussten wir auf Arztbehandlung lange warten. Beim Arzt in Groß Gastrose saßen wir von Morgens bis in den späten Nachmittag hinein. Die Bauern aus Grießen oder Horno kamen mit einer Kanne Milch oder Ähnlichem und kamen sofort dran. So war das damals, als Flüchling, Menschen zweiter Klasse. Später dann, Geigks waren gut mit dem Arzt Eckey aus Forst, als der mal eine Gans brauchte untersuchte er mich im Krankenhaus. Ein Herzfehler blieb mir so vom verschleppten Scharlach.
Doch zurück zur Flucht: Am ersten Tag liefen wir gleich bis Atterwasch. In Markersdorf gingen wir über die Neiße, dort nahm man mir auch noch meinen letzten Schmuck, den ich bis dahin ein einem kleinen Kästchen retten konnte. In Atterwasch schliefen wir in der ersten Nacht im Gasthaus auf Stroh. Dann kamen wir ins Pfarrhaus. Die Pfarrerin war eine gute Frau, denn damals fehlte es an allem und Flüchtlinge waren nicht gern gesehen. Ganz Atterwasch war voller Bunker und Unterstände, denn hier verlief die Front. So mussten wir die Löcher zuschippen. Dort fand ich einmal 3 silberne Essgabeln, die ich bis heute noch habe. Überall lag viel Geld, doch jeder dachte, es wäre nichts mehr wert, was sich später leider als falsch erwies.
Dann kam die Zeit, wo ich mich nach einer Anstellung umschaute. Ich meldete mich in Atterwasch ab, hatte eine Stelle im Spreewald in Aussicht. Dort angekommen, sagte man mir jedoch, man brauche mich nicht mehr. Ich konnte doch nicht zurück nach Atterwasch. Die Leute hatten Mitleid und vermittelten mich an eine alte Frau, die noch Stellen wusste. Und so fand ich doch noch eine Stelle in der berühmt- bekannten „Polenz- Scheune“ – Callien. Erst traute man mir dort nicht, so musste ich zunächst im Backhaus schlafen, was verständlich war, denn zu dieser Zeit musste jeder an sich denken und mitnehmen was er konnte. Doch nach ein paar Wochen faste man Vertrauen und ich konnte im Haupthaus schlafen. Nach einem halben Jahr hieß es dann, die Schenke werde geschlossen, weil der Besitzer, ein einarmiger ehemaliger Bahner, schon zu alt geworden war. Und so kam ich zu einer neuen Anstellung in Burg, in der Gaststätte „Gast- und Speisehaus zur Linde“ im Zentrum. Doch ich dachte schnell, aus dem Spreewald muss ich weg, denn die Mücken waren zahlreich und ganz verrückt nach mir. Doch ich blieb von Herbst 1946 bis Herbst 1949 in Burg und überlebte zuerst die Flucht und dann das Vertreiben aus meiner Heimat.
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