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Mulknitz in den letzten Kriegstagen
Mulknitz in den letzten Kriegstagen
von Siegfried Dubrau, aufgeschrieben im Sommer 2007


Es muss im September 1939 gewesen sein. Damals war es noch eine recht unbeschwerte Zeit, der Graf Brühl hielt im August immer seine Entenjagd hinten bei uns am Pfaffenteich ab und wir Kinder bekamen im Winter bei der Hasenjagd für unsere Hilfe immer einen Hasen ab. Ich war 9 Jahre alt, da begann der alte Lehrer Görsdorf, selbst ein überzeugtes Parteimitglied damit, uns die Ideologie des Nationalsozialismus einzuimpfen. Wir waren jung und leicht zu manipulieren und so glaubten wir schnell an die Herrenrasse und das Großdeutsche Reich. Jahr um Jahr verging. Bei jeder eingenommenen größeren Stadt wurden die Kirchenglocken geläutet und auch unser Glaube an den Endsieg wurde immer fester. Erst 1943, nach Stalingrad drehte die Stimmung langsam. Immer seltener wurden die Glocken geläutet. 1944 schließlich traf der erste Tross mit Flüchtlingen von der Weichsel ein, die sich in Mulknitz einquartierten.
Im Januar 1945 musste ich in Keune in ein Ausbildungslager, in der sich die Hitlerjugend in einer Werwolf Ausbildung im Umgang mit Handgranate, Karabiner und Panzerfaust übten. Die Ausbilder von der SS waren sehr streng mit uns. Meist schon um 5 Uhr wurden wir aus dem Bett auf den Hof gejagt. Dort hieß es dann bei Minusgraden Frühsport. Zuhause wieder angekommen, es muss Anfang Februar 1945 gewesen sein, da wurde die Hitlerjugend aus Forst und Umgebung nach Sorau geschickt. Wir waren 150 Jungen, standen auf dem Bahnhofsvorplatz von Sorau, um uns herum brannte bereits alles von den feindlichen Bombenangriffen. Dann trat ein Offizier hervor und rief jeden auf. „du links, du rechts“, hieß es. Als einer der Jüngsten durfte ich mich links einordnen, während die etwas älteren nach rechts mussten. Dann zeigte der Offizier auf einen Zug und meinte zu uns, dass dies der letzte Zug nach Forst sei und dass wir, wenn wir noch einmal nach Hause wollten, sofort in ihn einsteigen sollten. Dieser Aufforderung folgten wir dann auch sofort. Im Waggon dann sahen wir, dass den Jugendlichen, die sich rechts einordnen sollten, eine Panzerfaust in die Hand gedrückt wurde. Sie mussten die Stadt verteidigen und durften nicht mehr nach Hause.
Etwa 3 Tage später, es muss der 7. oder 10. Februar 1945 stand die erste russische Panzerspitze, bestehend aus 6 bis 7 Panzern in Jähnsdorf, die aber von 8,8’er Geschützen aus Sacro abgewehrt werden konnte. Zu dieser Zeit standen direkt in Mulknitz drei Geschütze dieser Bauart. Eines bei Frenzke, eines im Garten bei Geigks und eine an der Wage beim Düngerschuppen (heute Junghanns). Das Spritzenhaus und die Scheune der Pfarrei waren voller Munition.
Dann war der erste Kriegslärm aus Sacro zu hören, wir bekamen zum ersten Mal richtig Angst. Die Angst stieg, als der Strom der Flüchtlinge, der im Januar 1944 begann nun langsam abnahm. Das konnte nur bedeuten, dass der Russe kurz vor der Neiße stand. Zwei Tage später dann kam der Ortsgruppenführer der NSDAP zu uns und meinte: „Morgen müsst ihr raus hier!“ Und so hieß es, alles was zu tragen war, verpacken und den Abmarsch vorbereiten. Zu dieser Zeit hatten wir kein Pferdegespann. So packte ich zwei Handwagen, die ich an den Leiterwagen von Dubraus Willi (Vater von Werner Dubrau) bannte. Er fuhr dann vorne weg und ich lief bei strömendem Regen hinterher. Unterwegs klaute ich mir ein Fahrrad, welches jedoch bei Groß Lieskow zusammen brach. Ich blieb dort und wartete auf meine Eltern, die in einem späteren Tross nach kamen. Ich schloss mich ihnen an. Wir liefen bis nach Dissenchen, wo wir die erste Nacht unterkamen. Während der Nacht wich bei vielen der Schock und das Geheule und Geschreie wurde immer lauter und zahlreicher. Ich konnte es nicht mehr ertragen und so entschloss ich mich, wieder nach Hause zu gehen. Meine Großeltern blieben in Mulknitz, wollten die Heimat nicht mehr verlassen – so bin ich ausgerückt. Oma wohnte noch hinten bei uns, versorgte die Tiere, Opa wohnte vorn bei Käsens (heute Friesen). Als ich ankam, war überall schon Wehrmacht untergebracht. Bei uns im Keller befand sich die Koordinierung und eine Funkerstation. Man sagte mir, dass hinten ein Fahrrad steht und wenn der Russe kommt, würde man mir das schnell sagen und ich könnte dann schnell fliehen. Nur 2-3 Tage später kam ein Polizist der Wehrmacht, ein sogenannter Kettenhund – die waren sehr gefürchtet – und sagte nur zu uns: „raus hier!“ Opa war in den letzten Tagen nicht untätig gewesen und hatte sich den Hof von Neumanns in Klinge ausgeguckt, in dem nun keiner mehr wohnte. Hier wollten wir unterkommen und so zog ich mit meinen Großeltern nach Klinge. Am nächsten Tag wollte ich noch einmal nach Mulknitz um einige Sachen zu holen. Dies erwies sich jedoch als großer Fehler. Zusammen mit Rudolf Grenz und Helmut Käse wurden wir von der Wehrmacht aufgegriffen. Sofort wurden wir zum Kriegsdienst eingezogen und nach Weißagk geschickt. In der damaligen Villa von Mrose befand sich das Oberkommando der 36. SS Grenadierdivision. Der dortige Offizier meinte zu uns: „Mensch, mit euch wollen wir doch noch den Krieg gewinnen!“ Wir sollten uns an der Kreuzung nach Grötsch einfinden, wo uns ein LKW aufsammeln sollte. Da der nicht kam, mussten wir nach Cottbus laufen, wo wir uns des nächtens in einer Schule einfinden sollten, welches als Auffanglager diente. Wir drei blieben glücklicherweise zusammen, da wir wiederum die Jüngsten waren, wurden wir zum Holzsägen eingeteilt, während die Älteren nach Königsbrück zur Verteidigung mussten. Eines Tages dann gab es einen Fliegeralarm. Zu dieser Zeit war Cottbus durchzogen von Schützengräben und im allgemeinen Durcheinander meinte Rudolf (Grenz) dann: „Los, wir hauen ab!“ Gesagt, getan, durch die Schützengräben schlängelten wir uns in Richtung Dissenchen. Wir kamen in ein kleines Wäldchen, wo wir uns versteckten. Auf einmal gab es ein großes Grollen. Amerikanische und englische Bomber flogen über uns in Richtung Cottbus, kurze Zeit später hörten wir die Bombeneinschläge in Cottbus. Wir liefen schnell in Richtung Heimat. Unterwegs klauten wir uns wieder ein paar Fahrräder und kamen so schneller voran. In Klinge wohnte ich dann mit meinem Cousin Helmut Käse. Dauernd kamen Soldaten und gingen wieder. Meine Eltern flohen, wie einige mehr aus Mulknitz (z.B. auch Geigks) nach Räddern. Dort war auch ich gemeldet. Eines Tages sollte ich mich beim Bürgermeister von Räddern melden. Er fuhr mit mir nach Senftenberg zur Musterung. Dort wurde ich als „Kriegsverwendungsfähig“ eingestuft und musste wieder nach Räddern zurück, wo ich bei meinen Eltern wohnen sollte. Da es mir dort aber nicht gefiel, zog es mich wieder zu meinen Großeltern nach Klinge. Dort harrten wir der Dinge, die kommen mögen.
Ich bin dann alle 2 bis 3 Tage heimlich nach Mulknitz gegangen, wo ich mein Kätzchen füttern wollte. Zu dieser Zeit gab es eine Panzersperre mit Bewachung an der kleinen Brücke hinter Donath´s in Richtung Gosda. Um dieser zu entgehen, habe ich mich durch den Wald geschlagen und dann durch das Dickicht an den Teichen, schließlich bin ich beim kleinen Fließ schnell über die Straße und schon war ich zu Hause. Die Russen kreisten immer mit ihren Doppeldeckern über unserer Gegend um Ansammlungen von Deutschen, die vielleicht bewaffnet waren, zu beschießen. Einmal wurden so über 50 Menschen in Forst erschossen. Eines Tages entdeckte mich ein solcher Flieger, als ich auf einem Waldweg in Richtung zu Hause lief. Ich hatte jedoch Glück, er musste wohl erkannt haben, dass ich kleiner, abgemagerte Bursche unbewaffnet war und ohnehin keine Gefahr für die russische Offensive bedeuten würde. So lies er mich in Ruhe. Zu Hause wohnte in diesen Tagen ein hoher deutscher Offizier mit einem Diener. In unserer Stube hing ein Bild von Hitler in Lebensgröße. Außerdem hatte er sich mit edlen Möbeln und Ledersessel eingerichtet, die wohl aus den Fabrikantenvillen von Forst stammen mussten. Dies war wohl später auch der Grund, warum der Russe unser Haus nieder brannte, ging er doch wohl davon aus, dass hier ein hoher Funktionär gewohnt haben muss.
Am 16. April 1945 dann ging das Trommelfeuer los, der Russe rückte immer näher und öfter sah man nun zurück ziehende, verletzte Truppenverbände. Einen Tag später dann holten mich meine Eltern aus Klinge ab, ich sollte mit ihnen mit nach Räddern. Doch dort hielt ich es nicht lange aus, ich wollte unbedingt zurück nach Klinge, meine Großeltern nicht im Stich lassen. So riss ich erneut aus. Am 18. April bin ich dann los, doch ich kam nur bis Tranitz (bei Klinge), da kam aus Klinge die Frau Rösler, wo wir denn hin wollten, der Russe sei schon ganz nah. In diesem Moment sehe ich aus der Ferne bei klinge die ersten Bomben einschlagen, da bekam ich riesige Angst und dachte: „nun ist Zeit weg“. Ich drehte um und machte mich auf den Rückweg. Unterwegs musste ich mich wegen der Fliegeralarme immer in Kellern verstecken, besonders in Schlichow. Dann ging es über Dissenchen, Kahren und Mathlow nach Räddern, wo ich am 18. April gegen Mittag ankam.
Gerade erst angekommen, traf ein Kettenhund der Wehrmacht ein und meinte, der Russe sei mit einer Panzerspitze durch die Verteidigungslinien durchgebrochen. Wer noch fliehen wolle, müsse es jetzt tun oder er hätte keine Möglichkeit mehr dazu. Doch mein Vater wollte erst in der Nacht los, schließlich waren die vielen Bombenangriffe für alle, die sich zu dieser Zeit auf den Straßen aufhielten lebensgefährlich. Die Kettenhunde verschwanden wieder und keine Menschenseele war auf der Straße mehr zu sehen. Eine ungeheure Ruhe machte sich breit. Auf einmal kam ein russisches Militärfahrzeug und hielt an der Gaststätte, die sich direkt gegenüber unserer Behausung befand. Die Russen waren da! Als sie aus dem Fahrzeug sprangen, wurden sie von den wenigen deutschen Soldaten, die sich noch im Ort aufhielten, beschossen. Die Russen flüchteten wieder hastig in Richtung Frontlinien. Doch die Ruhe war nicht von langer Dauer. Nur kurze Zeit später robbte sich der Feind durch die Gräben an uns heran und überwältigte schließlich unsere Verteidigung. Ein Russe, der gut deutsch sprechen konnte, meinte zu mir: „ihr seit Flüchtlinge, ihr könnt nach Hause!“ Dazu mussten wir uns in der Gaststätte eintreffen, die nun voller Menschen war. Wir Mulknitzer trafen uns, hielten uns teilweise fest um in dem Gedränge nicht verloren zu gehen. Wir liefen zusammen in die Försterei. Dort nahm man uns alles ab, was halbwegs wertvoll aussah. Den meisten nahm man ihre Pferde weg. Diese Leute standen dann vor der Entscheidung, den Rest auf dem Leiterwagen auch zurück zu lassen, oder aber den schweren Wagen bis nach Hause zu schieben. Wer konnte, schob. Dann ging es auf den Heimweg. Bei Gräbendorf trieben uns die Russen schließlich in ein kleines Wäldchen. An einer Panzersperre lagen viele Baumstämme herum, in den Zwischenräumen versteckten wir die jungen Frauen und legten eine Decke darüber, dann setzten sich die Männer drauf um die Frauene vor den Russen versteckt zu halten. Doch der Russe fand die Frauen und führte eine nach der anderen in den Wald. Es war schrecklich, am Waldesrand befand sich der Gräbendorfer See, noch in der Nacht ertränkte die Reddener Wirtin sich und ihre Kinder in ihm, sie konnte das Leid nicht mehr ertragen. (Anmerk. Schreiber: An dieser Stelle unterbrachen wir die Aufzeichnungen)
Wegen der vielen Vergewaltigungen wollten wir unbedingt aus dem Wald heraus und weiter. Wir kamen an einem Feldweg raus, an dem uns der Russe jedoch bereits erwartete. Sie trieben uns wieder in den Wald zurück, wo wir erneut eine Nacht verbringen mussten. AM nächsten Morgen brachen wir jedoch beim ersten Sonnenschein wieder auf, wir gingen einen Waldweg bis wir bei Drebkau den Wald verließen. Am Waldesrand lag ein Flüchtlingswagen, dessen Rad kaputt war. Einige Mulknitzer Männer versuchten es zu reparieren, da dies jedoch zu zeitaufwändig war, mussten sie ihr Vorhaben abbrechen und den verletzten Flüchtling seinem Schicksal überlassen. Mittlerweile waren wir schon eine recht große Kolonne von 10-15 Leuten mit der wir bis nach Drebkau liefen. Zu dieser Zeit nahm der russische Militärverkehr auf den Straßen zu. Da unsere Väter Angst hatten, jemand könnte von einem Panzer überfahren werden, verließen wir die Straße und kampierten auf einem Feld. Es dauerte nicht lang, da kamen wieder russische Soldaten und wollten die Frauen mitnehmen. Ein russischer Offizier, wir erfuhren später er war aus Moskau und Jude, sah dieses Treiben und kam mit einigen Mann mit seinem Jeep angefahren. Den Russen, die unsere Frauen vergewaltigen wollten, wurden die Gewehre weggenommen, dann bekamen sie die Gewehrkolben auf ihren Rücken zu spüren. Da dachte keiner von ihnen mehr an Vergewaltigung. Wir liefen weiter bis nach Auras bei Schorbus, wo wir in einer großen Feldscheune Unterschlupf fanden. So hatten wir, während den doch kalten Apriltagen wenigstens ein Dach über dem Kopf. So blieben wir ein paar Tage. Eines Morgens kamen große russische Haubitzen den Weg lang, die wohl nach Berlin wollten. Mein Bruder Hans und ich erfolgten die Karawane vom Wegesrand aus. Auf einmal sprang ein junger Russe von einem Fahrzeug, nahm seinen Rucksack ab, umarmte uns und gab uns Brot und Speck. Man mag den Russen vieles nachreden, den Kindern gaben sie jedoch meist mehr als sie selbst hatten. Am gleichen Tag, gegen Abend kam auf einmal eine Frau die Straße ganz allein entlang, fast kriechend. Auf ihrem Handwagen befand sich nur ein kleines Bündel. Als sie es öffnete sahen wir, wie schrecklich, dass es gar ihr kleines, von den Russen erschossenes Kind war. Die Frau selbst sprach nur wirre, sie hatte die letzten Tage und den Tod ihres Kindes nicht ohne psychischen Schaden überstanden. Nach einigen Tagen gingen wir weiter nach Madlow. Damals war Cottbus noch nicht gefallen und so mussten wir schnell über die Spreebrücken huschen, wenn mal kein Kriegsfahrzeug zu sehen war. Wir liefen weiter, bis wir bei Roggosen in einen tiefen Wald gingen. Hier dachten wir, würde uns der Russe nicht finden. Doch am nächsten Morgen standen wieder welche vor uns. Wir hatten kaum noch etwas und trotzdem nahm man uns noch so einiges weg. Wir liefen den ganzen Tag durch über Kahren, bis wir gegen Nachmittag Klinge erreichten. Hier war noch nichts aufgeräumt, überall lagen noch die toten Soldaten und Tiere herum. Schließlich gab es um Klinge schwere Kämpfe. Keine Menschseele war zu sehen, bis auf einmal ein russisches Fahrzeug um die Ecke bog. Sie hielten uns an und fragten wo wir denn hin wollten. Wir waren so dumm und erzählten, dass wir zu dem Haus wollten, wo meine Großeltern geblieben waren. Wir waren dort kaum angekommen, da standen die Russen schon hinter uns. Meine Großeltern überlebten die Kriegstage in Klinge weil der Klinger Wirt im Wald einen festen Bunker baute, in dem sie sich immer versteckten wenn es zu Kampfhandlungen in Klinge kam. Nun aber waren sie wieder auf de Hof. Mein Großvater schaffte es, mühsam eine kranke Kuh über die Kämpfe hinweg zu retten. Sie fieberte bereits stark. Die Russen, die uns gefolgt waren, hatten ein Einsehen und erschossen das Tier, von dessen Fleisch wir einige Zeit leben konnten.
Am 29.4.1945 waren wir des Nachts bereits 10-12 Mann in einer kleinen Stube, was gut war, denn viele Leute auf einem Haufen versprach wenigstens ein Minimum an Sicherheit. Des Nächtens knallten auf einmal Gewehrkolben gegen die Haustür. Meine Großmutter machte auf und ließ die russischen Soldaten rein, die wieder einmal an unsere jungen Frauen wollten. Ich höre heute noch das Fluchen und Schreien der Mädchen. Für die nächste Nacht legten wir die Krippe im Stall ordentlich mit Stroh aus, dann eine Decke drüber, die Frauen rein und wieder ordentlich Heu rüber. Wir führten die Kühe an die Krippe und es sah so aus als ob sie dort fressen würden. Die Russen fanden die Frauen diesmal nicht. IN der darauf folgenden Nacht versteckten wir die Frauen auf dem Heuboden beim Nachbarn, wo sie mehrere Nächte unbehelligt verbringen konnten. Dabei muss man sagen, dass die Russen lebensgefährlich handelten, denn das Vergewaltigen wurden per Gesetz von Stalin mit dem Tode bestraft. Der 1. Mai war ein herrlicher Tag, die Kirschbäume in Weißagk standen in voller Blüte und so beschlossen wir, es endlich zu wagen und in Mulknitz nach dem Rechten zu sehen. Wir kamen gerade aus dem Wald und sahen schon die Bescherung, von unserem Haus waren nur noch die Giebel und der Schornstein übrig, alles andere war abgebrannt. Wir gingen Richtung Dorf, da gab es auf Höhe Pfaffenteich ein schreckliches Geheule. 2 deutsche Düsenflugzeuge kamen über unsere Köpfe hinweg und warfen 2 Bomben ab. Sie explodierten mit lautem Knall auf Kressens Wiese kurz vor einer Holzbrücke, die die Russen behelfsmäßig über die Malxe gebaut hatten, weil die Deutschen zuvor die Steinbrücke sprengten. Die Holzbrücke lag auf Höhe heute Junghanns und die Deutschen Bomben verfehlten sie. In den Bombenkratern sammelte sich Wasser und in den folgenden Tagen wurden die toten Tiere des Dorfes dort hinein geworfen. Der Gestank war unerträglich. Zu Kriegzeiten diente Mulknitz als Lazarett, Bei Rattheys (heute Dubrau), Käsens (heute Friesen) und Geigks waren alle Möbel auf den Hof geworfen und Metallbetten in die Stuben gestellt. Als wir jedoch ankamen war kein Mensch mehr da. Lediglich Marie Dubrau und Guste Nuglisch blieben während der gesamten Kriegszeit in Mulknitz. Sie waren alt und die Russen taten ihnen nichts. Als wir in Mulknitz ankamen, saßen sie vor Hampels Keller und waren halb verhungert. Noch am gleichen Tag ging es zunächst zurück nach Klinge. Erst einige Tage später zogen wir alle nach Mulknitz zurück. Da unser Haus unbewohnbar war, wohnte ich zunächst bei Pfitzmanns (heute Peppernick). Dort war zwar 3 oder 4 schwere Treffer in die Hauswand eingeschlagen aber 2 Stuben waren noch bewohnbar. Nach einigen Wochen dann zog ich um zu Rattheys. Mein Vater versuchte indes auf unserem Hof etwas aufzuräumen. Die Arbeiten gingen nur langsam voran. Zunächst machte er die Türen zum Keller ganz und verbaute schwere Eisenriegel. Er hatte die Hoffnung dass die Russen so nicht an unsere letzten Habseeligkeiten kamen, was jedoch nicht gelang. Nur nach und nach gelangte wieder etwas Normalität nach Mulknitz. Die erste Zeit war mit viel Hunger verbunden, eines Tages traf ich zum Beispiel eine Mulknitzerin, wie sie in der Pfarrersscheune Fleisch von einem halb verwesten Pferd abschnitt um es zu essen.
So war das damals in den ersten Tagen, Wochen und Monaten nach dem schrecklichen Weltkrieg in und um Mulknitz. Einige Jahre später noch fand ich im alten Wohnhaus (Müllers Haus) noch Briefe und Fotos, die dort deutsche Soldaten versteckt hatten. Wieder waren es Schicksale, von denen heute keiner mehr berichten kann.





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